Ein Besuch bei der Hanseatischen Materialverwaltung

Not just another Fundus!

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Die Hanseatische Materialverwaltung: Was sich hinter diesem wirkungsvollen Namen verbirgt ist ein Fundus für Materialien, Möbel und Requisiten, die nach Gebrauch – beim Film, bei Messen oder im Theater – weggeschmissen würden, gäbe es nicht diese “zentrale Anlaufstelle für Materialien & Ideen” wie es auf der Seite der Materialverwalter aus Hamburg heißt. Also ein offener Fundus, der Material, das weg käme, sammelt, um es wieder zugänglich zu machen – und so Künstlern, Kreativen, Schulen, kleinen Film- oder Theaterproduktionen oder auch Privatpersonen dabei hilft, ihre Ideen umzusetzen.

Das klingt spannend und leuchtet nicht nur aus ökologischen und ökonomischen Gründen ein – auch zur Inspiration ist ein Besuch in den mächtigen Hallen am ehemaligen Oberhafen nahe dem Hamburger Hauptbahnhof allemal lohnenswert – gerade wenn es ans Ausstatten von Low-Budget-Filmen oder Bühnen an Off-Theatern geht.

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Schlendert man durch die zweigeschossige Lagerhalle, will man am liebsten gleich losarbeiten, denn das hier ist kein normaler Fundus, wie man ihn aus Theatern kennt: nicht nur sind die Dinge mit Liebe arrangiert, es ist den Leuten von der Materialverwaltung auch ein Anliegen, zu helfen, wenn es darum geht, Ideen umzusetzen. Sucht man etwas bestimmtes, helfen sie suchen und unterstützen direkte Vernetzung – so ist beispielsweise einmal eine sieben LKWs umfassende Ladung, die sie nicht unterbringen konnten, direkt vom Schauspielhaus ans Dockville-Festival gegangen. Sie empfehlen sogar, erst vorbei zu kommen, bevor man ein Bühnenbild innerlich durchgeplant hat – denn erfahrungsgemäß  lässt sich mit dem, was da ist, mehr anstellen, als mit dem, was nicht da ist: und so kann der Fundus auch Konzeptionen beeinflussen und verändern, die Kreativität beflügeln. Im Idealfall treffen sich hier Idee und Material in der Mitte.

Mit Alessa Lippert, offiziell die “Leiterin der Fundusverwaltung”, die meistens vor Ort ist und organisiert, was wo abzuholen ist, wer was braucht und wie das zu machen ist, sitze ich nun also bei einem Kaffee auf einem türkisen Gründerzeit-Sofa (“haben wir gestern vom Thalia Theater bekommen”) zwischen teilweise liebevoll arrangierten Wohnzimmer- oder Setsituationen (“Gestern sah hier alles noch ganz anders aus”) und regalweise, nun ja, Zeug aller Art – sortiert nach Materialien, wie Tanzboden, Klebebändern und Bühnenpodesten, Requisiten (inklusive einem eigenen kleinen Dschungel) und Möbeln – dazwischen allerlei Seltsames, von der überdimensionalen Nase über den Galaxis-Hänger (“vom ZDF”) zum Piratenschiff. Juke-Boxen und eine riesige Ladung roter Molton aus Münster sind erst gestern neu rein gekommen. Alles hier hat eine eigene Geschichte.

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Die Idee zur Materialverwaltung hatten ursprünglich Jens und Petra, und das auch noch unabhängig voneinander: Petra, die seit längerer Zeit als Ausstatterin bei Film, Fernsehen und Werbung arbeitet, hat immer wieder bemerkt, dass alle möglichen Materialien nach Drehschluss entsorgt werden müssen, weil es einfach keine Infrastruktur gibt, sie zu lagern und noch mal zu benutzen, in den kulturellen Kreislauf einfließen zu lassen. Jens hatte dieselbe Idee aus der künstlerischen Perspektive: weil er große Installationen baut, war er immer auf der Suche nach Materialien, Industrieabfällen und dergleichen. Die beiden wurden einander vorgestellt, haben sich innerhalb von 10 Tagen auf die Halle im Oberhafen beworben und bekamen nicht nur den Zuspruch, sondern waren vor 2 Jahren auch die ersten, die im Rahmen des Transformationsprozesses des Oberhafens zum sogenannten „Kreativquartier Oberhafen“ – welcher durch die Hafen City und die Kulturbehörde/Kreativgesellschaft gesteuert und verwaltet wird – in dem Areal eingezogen sind (nachdem der Güterverkehr endgültig eingestellt wurde und damit auch die Logistiker aus den Hallen gegangen sind und zum Teil gegangen wurden…).

Es herrscht reger Verkehr zwischen Anlieferungen und Abholungen. Stöbernde können Montag bis Freitag täglich von 10 bis 18 Uhr vorbeischauen. Es kann alles geliehen und fast alles gekauft werden. Der Preis wird davon abhängig gemacht, wofür das Material benötigt wird: je gemeinnütziger das Projekt, umso günstiger wird abgegeben. Auch Privatpersonen können stöbern und ihre Einrichtung aufpolieren, zahlen aber den normalen Preis.

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Es scheint wie am Schnürchen zu laufen. Das alles soll innerhalb von knapp zwei Jahren auf die Beine gestellt worden sein? Alessa erzählt, es sei von Anfang an stetig und „gesund“ gewachsen: erst der Hallenausbau, die Etablierung der Struktur, dann war mit steigendem Bekanntheitsgrad nicht nur immer mehr zu tun sondern auch das Know-how da, wie immer mehr zu bewältigen sei. Bis an den Rand des Burnouts hat sich die kleine Truppe mit zahlreichen Aktionen gebracht und ließ es daraufhin etwas ruhiger angehen. Jetzt geht es wieder, sagt Alessa.

Nur mehr Abnehmer bräuchten sie, denn das Problem sei nicht die Beschaffung der Materialien: mehr Anfragen, als sie bewältigen können und mit denen sie problemlos den ganzen Oberhafen füllen könnten, kommen aus ganz Deutschland, und dabei haben sie schon eine zweite Halle dazugemietet. Das Material auch wieder loszuwerden, das müsste noch etwas besser klappen, zumal die Gründungsförderung ausläuft.

Der Zuspruch ist trotzdem, wie den Zahlen auf der Seite zu entnehmen ist, enorm: anscheinend ist die Idee am „Puls der Zeit“. Upcycling ist in, Materialverwalter werden gebraucht. Logistisch schaffen die Hamburger aber nicht alles. Expansionspläne gibt es nicht, allerdings werden andere Gruppen motiviert und bei der Umsetzung unterstützt, die ein ähnliches Modell in ihrer Stadt aufbauen wollen. In Hannover, Köln, Berlin (zum Beispiel die Material Mafia) und München gibt es schon Ansätze, ähnliche Projekte ins Leben zu rufen.

Denn die Idee ist sinnvoll und muss in die Welt getragen werden. Material gibt es genug, und es gibt auch ein kreatives Publikum, das sich dafür interessiert. Es muss nur die Infrastruktur geschaffen werden von motivierten Leuten wie Alessa, Jens und Petra von der Hanseatischen Materialverwaltung.

Weiter so!

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