Bühnenbild Studieren No. 3: ZHDK Zürich

Forschungslabor mit Probebühne

Diesmal habe ich das Glück, aus erster Hand berichten zu können, denn diesen Studiengang habe ich quasi an der Wurzel kennenlernen dürfen: als externe „Expertin“ war ich dieses Jahr Teil der Auswahlkommission, die neue Studierenden für den Master Bühnenbild an der ZHDK ausgesucht hat.

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Es geht hier also um den Masterstudiengang. Voraussetzung ist ein vorhergehendes Studium oder ein Bachelorabschluss in Bereichen wie Innenarchitektur oder Szenografie – zum Beispiel auch an der ZHDK.
Mit anderen Worten, werden sowieso nur Leute zugelassen, die vorher schon was anderes studiert haben, und das trifft sich ganz gut mit den hier gestellten Anforderungen an die Studierenden: Prof. Michael Simon betont immer wieder, bei der Aufnahme neuer Studierender sei es ihm am wichtigsten, Leute auszuwählen,  die wirklich eigenständig arbeiten können.

Wer hier studiert, wird eingeladen, Bühnenbild ganzheitlich zu denken. Räumliches und konzeptuelles Denken sind erforderlich, aber auch Begeisterungsfähigkeit und Faszination für Licht, Material und die Magie des Raumes sind willkommen. Dabei wird Bühnenbild als eigenständige Kunstform gesehen, die sich ohne ganzheitliches Konzept nicht denken lässt, auf dem Theater oder anderswo. Die Studierenden arbeiten eigenständig an einer Masterarbeit, die theaterspezifisch sein kann, aber nicht muss.

Treppenhalle

Die Bewerbung besteht aus einem Vorschlag für eine mögliche Masterarbeit, die präsentiert und im Rahmen der Prüfung diskutiert wird. Dabei geht es weniger darum, ob es sich bei dem vorgestellten Projekt um die Masterarbeit geht, die es 2 Jahre später sein wird, sondern darum, herauszufinden, ob die BewerberInnen in der Lage sind, ein eigenes Projekt zu erfinden, zu formulieren (sowohl schriftlich als auch verbal), durchzudenken und dann durchzuführen. Die vorgeschlagenen Projekte reichen bei dieser Aufnahmeprüfung von geplanten Bühnenbildern über Installationen im öffentlichen Raum bis hin zu theatralen Installationen, bei denen eine Regie gar nicht mehr vorgesehen ist, sowie von konzeptionell sehr weit entwickelten Ideen bis hin zu dokumentarischen und politisch motivierten Forschungsprojekten, deren theatrale Umsetzung noch ganz offen ist.

Interessanterweise erzählt Prof. Michael Simon, dass bisher noch kein einziger Student seine bei der Aufnahmeprüfung vorgeschlagene Arbeit zum Schluss auch umgesetzt hat. Das überrascht nicht – in Hinblick auf die vollen zwei Jahre Masterstudium, welche den Studierenden geboten werden: im neuen Gebäude der ZHDK haben sie die Möglichkeit, Probebühnen wie Werkstätten zu nutzen, es stehen Budgets für eigene Projekte zur Verfügung, und insgesamt bietet die Uni ein so breites Spektrum an theoretischen wie praktischen Möglichkeiten, aus denen man sich persönlich zugeschnittene Lehrmodule bauen kann, dass einerseits kaum Zeit bleibt, alles mitzunehmen und andererseits die Studierenden, wenn sie wollen, hier wirklich eine Horizonterweiterung erleben können – bis hin zur Überforderung mit dem Überangbot: auch hier, wie in den anderen von uns portraitierten Bühnenbildklassen wird beklagt, wie einfach man sich doch verlieren könne in alledem und wie konzentriert man arbeiten müsse, um am Ende doch zu finden, wonach man sich für sich als Künstler sucht.

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Auf der Seite des Studiengangs wird außerdem der Theorieteil betont, beschrieben, dass Denken und Machen hier nicht getrennt wird. Folgerichtig besteht der zweite Teil der Aufnahmeprüfung darin, in einer der Probebühnen mit vorhandenen Wänden, Vorhängen, Möbeln und Scheinwerfern auf Stativen schnell eine räumliche Situation herzustellen. So sehr ich zugeben muss, dass ich diesem Teil der Prüfung etwas skeptisch gegenüber war („was soll das denn bringen?“), so sehr muss ich auch zugeben, dass sich hier Fähigkeit zu räumlichen Denken (oder auch Unfähigkeit), gute Beziehungen zum eigenen Bauchgefühl, oder besondere Interessen (Schattentheater!), aber auch besondere Kompetenzen wie punktgenaues, atmosphärisches Arbeiten offenbart haben, die beim reinen Besprechen der Arbeiten nicht sichtbar geworden wären.

Dritter Baustein des Studiums und sicherlich eine der Hauptmotivationen der BewerberInnen, hier studieren zu wollen, ist die gute Anbindung und Zusammenarbeit mit den Master-Studierenden der anderen Theaterstudiengänge der ZHDK wie Regie, Dramaturgie und Schauspiel. So lassen sich Kontakte knüpfen, gemeinsame Projekte spinnen und umsetzen (die teilweise dann auch als Masterarbeit gelten) und Teams mit anderen jungen Theaterschaffenden bilden, was ja den Start in den Beruf unheimlich erleichtert. Vor allem, da die meisten, die hierher kommen, schon Erfahrung im Theater sammeln konnten: die BewerberInnen, die ich hier kennenlernen durfte, haben Hospitanzen oder Assistenzen hinter sich, und wissen dadurch entweder schon relativ genau, was sie im Theaterbetrieb erwartet oder aber sie sind eher enttäuscht von der Erkenntnis, in Stadttheaterstrukturen nicht weiter wachsen zu können oder in Hierarchien hängen zu bleiben, und wählen deshalb diesen Weg, eine Zeit lang selbstständiger künstlerisch arbeiten zu können.

Stammtisch

Also alles in allem ein wirklich toller, freidenkerischer Spielplatz mit erstaunlichen strukturellen wie finanziellen Möglichkeiten für Leute, die sich zutrauen, eigenständig ein Projekt theoretisch, konzeptionell und praktisch zu verfolgen und den hier gebotenen Freiraum dafür nutzen wollen. Schade ist, dass der wenig bekannte Studiengang wenige BewerberInnen anzieht, woran auch die hohe Anmelderate schuld sein könnte.

Ich persönlich bin gespannt darauf, wie die vorgeschlagenen Projekte der vier Studierenden, bei deren Aufnahme ich beteiligt sein durfte, sich entwickeln und was von diesen KünstlerInnen vielleicht auch am Theater zu sehen sein wird. Viel Glück!

Mehr Infos hier: www.zhdk.ch/index.php?id=28688
Oder in Zürich einfach mal in der Hochschule den Künste im Toni-Areal vorbeischauen.

Bilder vom Toni-Areal, in dem sich auch der Studiengang Bühnenbild befindet: © 2014 ZHdK
Titelbild: Jeger Innenausbau